Für die meisten ist die Hausarbeit lediglich ein notwendiges Übel. Betrachtet man die monotonen Tätigkeiten aus einem anderen Winkel, kann man sie genießen.

Immer schnellere Computer, immer mehr Produktionsroboter und immer smartere Fabriken – die Welt entwickelt sich in den letzten Jahrzehnten immer schneller in ein und dieselbe Richtung. Bei Betrachtung dieser Entwicklung möchte man eigentlich meinen, dass so immer weniger Arbeit für den Menschen zu tun bleibt. Der kann sich jetzt und noch viel mehr in naher Zukunft, schöneren Dingen widmen und ein entspannteres Leben führen. Aber an der Stelle liegt offenbar ein Irrtum vor, denn tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Angestellte, Freelancer, Selbstständige – alle scheinen immer mehr zu arbeiten, mehr Stress zu haben, ständig erreichbar zu sein. Social Media hier, Smartphones da – jeder wird zum Medienproduzenten und das offenbar rund um die Uhr und ohne Pause.

Nun kann man diese Entwicklung nicht einfach so stoppen oder gar zurückdrehen, schon gar nicht als einzelnes Rädchen im System. Was man aber tun kann, ist das eigene Wohlbefinden zu steigern und dem Körper und Geist die wohlverdienten Ruhepausen zu gönnen. Das ist nun keine neue Erkenntnis, wie schon die Popularität von Yoga und Meditation auch in westlichen Ländern zeigt. Viele gestresste Menschen tun sich mit den klassischen Entspannungstechniken aber schwer und können davon schlicht und einfach nicht profitieren. Schreibtisch geplagte Körper schaffen es kaum längere Zeit schmerzfrei auf dem Boden zu sitzen und die berühmten Tausend Gedanken schießen dabei trotzdem noch durch den Kopf. Gerade für diese Gruppe kann eine alternative „Meditation“ perfekt sein, nämlich eine ganz ungezwungene, in die man sich während verschiedener Hausarbeiten begeben kann.

Die Entdeckung der meditativen Hausarbeit

In den ersten rund 10 Jahren, in denen ich für meinen eigenen Haushalt verantwortlich war, war jede anfallende Hausarbeit genau das – Arbeit. Gerade in jungen Jahren habe ich so jede Tätigkeit aufgeschoben und vermieden, bis es eben gar nicht mehr anders ging. Regale staubten ein, auf schmutzigem Geschirr hat sich Leben entwickelt und ein Bügeleisen befand sich zu der Zeit noch nicht einmal in meinem Besitz. Erst mit Anfang 30 hat sich dann etwas geändert. Es war noch immer Arbeit den Haushalt in Schuss zu halten, aber es gelang kontinuierlich. Und dann, eines Abends beim Abwasch, ist es passiert. Ich war enttäuscht, als ich den letzten Löffel gewaschen hatte und wusste „Oh, schon fertig!“. In dem Moment habe ich zum ersten Mal realisiert, dass ich den Abwasch genossen hatte. Und ich konnte ihn genießen, weil mein Kopf dabei komplett leer war. Keine Gedanken, keine Sorgen, keine Planungen. Ich stand einfach in der Küche und habe Nudelreste vom Geschirr gekratzt. Eine einfache Tätigkeit mit klar definiertem Ziel und sofort sichtbaren Erfolg.

Das war eine Art Erweckungserlebnis und seitdem kann ich auch andere Tätigkeiten im Haushalt richtiggehend genießen. Das Putzen im Allgemeinen, die Fenster im Speziellen, und natürlich auch das Bügeln. Gerade das Bügeln eignet sich perfekt zum Meditieren, Entspannen und Abschalten. Das habe ich mir nun nicht ausgedacht und ich bin auch kein Sonderling (zumindest nicht in der Hinsicht), denn es geht vielen Menschen ähnlich. Die amerikanische Künstlerin Maira Kalman hat ihre Liebe zum Bügeln etwa so ausgedrückt: „The slowness. The time. The warmth of the iron. The steam. Smoothing out the wrinkles from linens. Folding. Folding is adored. Stacking. Putting into the linen closet. Who would not like that?“ (Englische Quelle – deutsche Übersetzung: „Die Langsamkeit. Die Zeit. Die Wärme des Bügeleisens. Der Dampf. Das Glätten der Falten in den Stoffen. Zusammenfalten. Zusammenfalten ist wunderbar. Stapeln. In den Kleiderschrank legen. Wem würde das nicht gefallen?“). Der chilenische Schriftsteller und Nobelpreisgewinner Pablo Neruda hat sogar ein Gedicht mit dem Titel „Ode to Ironing“ (Eine Ode an das Bügeln) verfasst.

Und selbst in der Meditationlehre kann man einen entsprechenden Ansatz finden. Bereit in den 1970er Jahren hat der indische Philosoph Osho den Begriff der Dynamischen Meditation geprägt. Dabei sind, im Gegensatz zur klassischen Meditation, Bewegungen des Körpers erlaubt und sogar Teil der Übung. Die Idee kam auf, da es für viele Menschen heute tatsächlich schwierig sein kann, über einen längeren Zeitraum still zu sitzen. Bei der dynamischen Meditation kann man sich daher bewegen, den Geist aber trotzdem auf eine entspannende Reise schicken. Das beschreibt meine Erfahrungen beim Abwasch, beim Bügeln oder auch beim Putzen tatsächlich ganz gut.

Das Ergebnis genießen

Wenn also die nächste Routinearbeit im Haus ansteht, genießen sie es! Schalten sie etwas gediegene Musik im Hintergrund ein und den Kopf aus. Und genießen sie vor allem auch das Ergebnis. Denn genauso wie nach dem Harken des Kies in einem Zen Garten, kann man auch den Anblick der frisch gebügelten und zusammen gelegten Kleidung genießen. Den von sauberem Geschirr oder von streifenfrei geputzten Fenstern natürlich sowieso.

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